Home  nächste Seite

Hairflower 12

Hairflower in einer Hippie-Kommune auf einem Bauernhof.


Hairflower und der Gerichtsvollzieher

Enna, Janina, Friedrich und Hairflower auf Wolke 7.

Hairflower hatte ihre Haare ausgebreitet und sie alle lagen nun mitten drin, in der weichen Pracht. Sie passte sich ihnen an, bildeten Betten, in denen es sich sehr angenehm liegen lies.

Wolke und Haare konnte man gar nicht mehr so genau auseinanderhalten. Alles war weiß und weich und farbig, wie leuchtende Diamanten.

Enna: "Sie sind so schön weich, Deine Haare, Hairflower, und es ist so angenehm, darin zu liegen. Es ist wie im Paradies, ich könnte immer einfach nur hier sein."

Hairflower: "Dies ist das Paradies. Wir sind auf Wolke 7."

Janina: "Ja, das ist es. Und meinen lieben Friedrich habe ich gleich neben mir." Schmatz.

Sie küssten sich leidenschaftlich, und das war nicht alles. Nackt wie sie waren, eingehüllt von Körper langen Haaren. In enger Berührung. Jeder von ihnen spürte den Liebespartner ganz nah bei sich. Sie verschmolzen miteinander in einer Ekstase von Gefühl.

Ecstasy der Liebe, nein. Drogen brauchten sie dafür nicht.

Die Schönheit und das Eins Sein von Körper, Seele und Geist, sie offenbarte sich den beiden.

Auch Enna wurde davon berührt.

Enna: "Ach, muss Liebe schön sein. Die beiden sind momentan wohl nicht mehr ansprechbar."

Friedrich: "Doch, wir hören Dich."

Janina: "Wir nehmen alles um uns herum wahr, in einer Intensität, die wir niemals für möglich gehalten hätten. Als wären wir Vampire aus der Geschichte der Vampire Diaries. Und die Liebe in uns, sie ist so stark, so intensiv, sie ist einfach alles und wir sind ein Teil von ihr."

Dazu konnte Enna nichts mehr sagen. Aber sie sah die beiden und wie sie sie sah, ja, sie spürte dieses Glück.

Hairflower: "Du fühlst Dich allein?"

Enna: "Ja, ein bisschen. Aber mit euch zusammen, es ist so schön. Nein, ich vermisse nichts. Es geht mir gut."

Hairflower: "Ich könnte Dir einen Partner besorgen. Einen, der Deine tiefsten Wünsche und Bedürfnisse erfüllen kann."

Enna: "Nein, bitte, tu das nicht. Ich kann mich doch selbst in der Welt umsehen und wenn ich weiß, dass ich jemanden gefunden habe ..."

Hairflower: "Ich könnte Dir dabei helfen."

Enna: "Ich weiß. Aber ... ich bin doch selbst ein paranormales Wesen. Das ist schon so viel mehr, als ich mir jemals erhoffen konnte ... Ich, ich möchte ein wenig den Zufall entscheiden lassen, ungewollt, nicht mit Gottes Hilfe ... "

Hairflower: "Der Zufall ... Ja, wenn Du Dich darauf einlässt, dein Schicksal scheint dann für Dich unbestimmt, nicht vorhersehbar zu sein. Aber weißt Du denn, wie viel Zufall Dein Leben ausmacht?"

Enna: "Ich kann durch die Zeit reisen, durch den Raum, durch meine Träume und durch die Träume anderer Wesen, ich sehe dabei nicht, dass mich irgendetwas anderes oder jemand bestimmt. Ich ... ich bin ein Auge der Ewigkeit. Ich sehe."

Hairflower: "Der Zufall. Weiß Du, was dahinter steckt? Ich sehe das alles nicht so unabhängig wie Du. Aber im Rahmen Deines bewussten Seins ... es ist nicht verkehrt, so zu denken."

Enna: "Aha, es sprach das Mysterium."

Hairflower: "Ich kann voraussehen, was passiert. Jede mögliche Entscheidung, die Du triffst, hat eine Konsequenz, die ich einschätzen kann. Ich könnte mit Dir darüber diskutieren, aber vielleicht bist Du dann am Ende entscheidungsunfähig. Siehe, ein einzelnes Leben ist eingebettet in multiple Zusammenhänge. Jeder davon hat ein eigenes Selbst. Ich kann sie alle sehen, aber diese Sichtweise ist Dir nicht möglich. Sie würde Deine Individualität zerstören."

Enna: "Das Quantenuniversum. Ich weiß. Jede potentielle Möglichkeit ist irgendwo realisiert. Aber muss sich diese Realität nicht auch bewähren? Die meisten dieser Welten sind instabil."

Hairflower: "Instabil ist eine Frage der Sichtweise. Manche Welten existieren gerade eine Nanosekunde, manche etwas länger, manche weniger. Auch in einer Welt, die weniger eine Planck-Zeiteinheit Bestand hat, kann in sich strukturierte und denkende Wesen verbergen. Für sie kann ihre Welt groß und scheinbar unendlich sein.

Die Welt, in der wir hier leben, sie ist durch Interferenz einer Vielzahl möglicher Welten entstanden und sie ist stabil. Aber auch das gilt nur für begrenzte Zeit. Lass uns darin leben und sehen, was wir tun können."
...

Dort unten in der Welt. Was tat sich dort?

Enna: "Ich sehe ein kleines Hippie-Paradies. Langhaarige Männer und Frauen, die sich gefunden haben. Sie leben zusammen auf einem Bauernhof und sie sind so glücklich dabei. Sie können sich selbst ernähren und zu dem Bauernhof gehört auch Brennmaterial für den Winter. Für die Gesundheit ist auch gesorgt. Sie haben eine Schamanin und einen Schulmediziner dabei.

Mmmh. Einen Priester gibt es auch."

Hairflower: "Der ist wohl für mich da. Nein, das war nur ein Scherz. Du siehst sicher auch die Bedrohung. Die Beamten und Angestellten des staatlichen Gesundheitswesens dulden keine Abweichungen, die sie nicht kontrollieren können. Keiner von den Hippies zahlt Krankenversicherungsbeiträge, und das, obwohl eine Krankenversicherungspflicht besteht. Für sie geht das nun überhaupt nicht. Und die Kinder gehören in eine staatliche Zuchtanstalt, äh, Schule. Die Vollzugsbeamten sind bereits auf dem Weg, um die staatliche Ordnung wieder durchzusetzen. Was dann mit den Hippies und ihren Kindern geschieht ... nein, es geschieht nicht, ich werde es nicht zulassen. Allein mein Wille, es nicht zulassen zu wollen, lässt die Zeit unbestimmt werden. Sie wartet nun auf das, was wir tun werden."

Enna: "Hairflower, Du redest von der Zeit, als wäre sie ein lebendes Wesen?"

Hairflower: "Warum nicht? So kompliziert wie sie ist. Aber es geht hier nicht um die Natur der Zeit. Lasst uns die Gruppe besuchen."

...

"Ich bin Attribut Riesenknecht. Der Gerichtsvollzieher. Neben mir seht ihr die Vollzugsbeamten Arabas, Hannas, Josephfosh und Bogenlies und Frau Sorgenrecht, vom Gesundheitsamt, Frau Weisenhaus von der Schulaufsichtsbehörde und Herrn Brillenfleck, der von Amts wegen beauftragte Gesundheitsdoktor. Die soziale Aufsichtsbehörde hat uns geschickt."

"Guten Tag, Herr Riesenknecht. Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich bin Hairflower. Die hier anwesenden Personen haben mich zu ihrem Sprecher gewählt."

Frau Sorgenrecht: "Du bist also der Häuptling, So so. Die Haare sind ja lang genug. Nein, wie kann man nur so herumlaufen. Das ist ja Umwelt gefährdend. Und es ist eine Gefahr für Dritte. Was darin an Krankheitserregern verborgen sein kann."

Herr Brillenfleck: "Und die ganze Masse an Haaren, das drückt doch auf den Rücken, zieht im Nacken und macht krank. Wer soll das dann bezahlen? Die Beitragszahler? So weit ich weiß, zahlt hier niemand Krankenversicherungsbeiträge."

Frau Weisenhaus: "Ein sehr schlechtes Beispiel für die Kinder. Die zwei Jungen mit Knie langen Haaren wurden von der Klassenlehrerin wieder nach Hause geschickt. Das geht nun wirklich zu weit. Die Eltern haben für einen anständigen Haarschnitt der Jungen zu sorgen, die Ohren müssen frei sein. Damit die Kinder überhaupt vernünftig zuhören können.  Und die Mädchen mit ihren Knie langen Zöpfen, das fällt doch völlig aus dem Rahmen. Ich habe einen Termin mit Frisörmeister Scherenschnitt vereinbart.  Morgen früh um halb 9. "

Hairflower hatte ihre Haare zusammengebunden. Sie bildeten verbundene Knoten, die bis auf den Boden ragten. Ein Riesensuperdud, der ihr den Rücken herunter lief. Wie konnte sie nur das Gewicht ertragen? Die ganze Haarpracht musste doch mehr als 20 Kilogramm schwer sein.

Und die anderen Hippies standen in einem Halbkreis herum. Jeder von ihnen hatte lange offene Haare, die bis weit über den Po hinab reichten.

Ein leiser Gesang aus dem Hintergrund.

Ich liebe es so sehr, mein langes Haar, es soll nicht nur in den Kragen ragen ...

Riesenknecht liest sich nicht beirren.

"Ihr gefährdet Eure eigene Gesundheit und die von anderen. Darüber reden wir noch. Nun gut. Die Rechnungen belaufen sich auf ... 600000 Währungseinheiten. Wir können mit den Haaren ja gleich einmal einen Anfang machen, der Haarzustand, die Länge und die Masse der hier versammelten Haarmassen könnte bereits einen 5 stelligen Betrag ausmachen. Die hiesigen Perückenmacher brauchen Aufträge. Es gibt auf Grund der weit verbreiteten Kurzhaarigkeit zu wenig Nachschub an Haarmaterial. Mit den Haaren könntet ihr ein ganzes Dutzend von ihnen ernähren."

Riesenknecht packte den Kuckuck aus und wollte ihn Hairflower auf die Haare kleben. Nur, wo ist der Kuckuck? Eben war er doch noch da?  Ratlosigkeit beim Vertreter des Staates.

Ob ihn einer von den Polizisten gestohlen hat? Riesenknecht war ein sehr misstrauischer Mensch.

Hairflower: "Zunächst einmal etwas zur Anrede. Ich bin für sie kein Duz-Freund. Aber das werden sie schon noch begreifen lernen. Ein Vertreter des Staates sollte in Kundenkontakten die höflichen Umgangsformen beherrschen. Sie sind nebenberuflich Frisör? Mmmmh. Interessant. Wie haben sie denn den eingeforderten Betrag zusammen gerechnet?"

Riesenknecht: "Das spielt keine Rolle. Und so wie Du herumläufst. Nein, wir werden Dich zum Entlausen mitnehmen. Ich habe einen Gerichtsbeschluss. Ich bin hier, um die fehlenden Gelder einzufordern. Nun lasst uns uns doch mal sehen, wo ich überall den Kuckuck hin kleben kann. Dann brauche ich noch die Besitzurkunde der Häuser und des Grundstückes. Solltet ihr nicht kooperativ sein, dann werden die Beamten hier eine Hausdurchsuchung vornehmen. Und wir werden Euch alle gleich mitnehmen, die Transportwagen sind schon unterwegs . Dann ist erst einmal Schluss mit langhaarig und lustig."

Der will einfach nicht einsehen, dass er keinen einzigen Kuckuck mehr hat.

Hairflower: "Was ich so hinter diesem Theater erkenne. Die einzelnen Personen wurden über viele Jahre zwangsweise versichert. Auf Grund der allgemein eingeführten Versicherungspflicht. Die Schulden belaufen sich nun auf 30000 Euro Versicherungsschulden pro Person. Ohne dass sie jemals die Dienste der staatlichen Fürsorge in Anspruch genommen haben. Sie hätten es ja auch nicht tun können, mit diesen Schulden. Und das ergibt bei 20 Personen 600000. Das ist dann wohl auch der Nennwert des Grundstückes und der Häuser, den die Spekulanten dafür aufbringen wollen."

Riesenknecht: "Dies hier ist kein Theater. Ich bin eine Amtsperson!! Es sind Zweifel aufgetaucht, dass dies hier die richtige Umgebung für Kinder ist. Erwachsene, die keine Steuern zahlen und keine Sozialversicherungbeiträge sind ein schlechtes Vorbild. Die Kinder sehen verwahrlost aus und bedürfen einer besseren Fürsorge."

Hairflower: "Verwahrlost, nur weil sie lange Haare haben? Sehen Sie nicht, wie viel liebevolle Pflege darin steckt? Und wir alle hier, wir lieben unsere Haare. Sie geben uns eine Schönheit des menschlichen Seins, die wir sehr mögen. Sie vermitteln so viele Gefühle voller Zärtlichkeit und Sensibilität."

Riesenknecht: "Das ist eine Sicht der Dinge, die wir nicht teilen können."

Hairflower: "Und das soll dann unser Problem sein? Nein, meine Damen und Herren, es ist an der Zeit, dass ich ihnen ihre Grenzen zeige."

...

nächste Seite